Der Thüringer Sport übernimmt Verantwortung. Ein jahrelanger Prozess der Aufarbeitung ist abgeschlossen: Eine unabhängige Aufarbeitungskommission hat im Rahmen einer Pressekonferenzj am 28. August in Erfurt ihren Abschlussbericht zu den Fällen sexualisierter Gewalt beim Hochschulsportverein Weimar (HSV Weimar) zwischen 2007 und 2015 veröffentlicht. Unter dem Titel „Das Schweigen (durch)brechen“ untersuchte die sechsköpfige Kommission im Ehrenamt über vier Jahre, wie es zu den Taten kommen konnte, welche strukturellen Bedingungen sie begünstigten und welche Konsequenzen daraus für den organisierten Sport gezogen werden müssen. Es ist die erste unabhängige Aufarbeitung im organisierten Sport in Bezug auf solch einen großen Fall. Ziel war es auch, Vereine für dieses Thema zu sensibilisieren, Präventionsmaßnahmen abzuleiten und um sich gemeinsam für sichere Schutzräume im Sport zu engagieren.
Der Fall hatte den Thüringer Sport seit 2016 beschäftigt. Ein ehemaliger Trainer des HSV Weimar hatte über Jahre mehrere minderjährige Sportlerinnen psychisch und sexualisiert missbraucht. Er wurde im Januar 2023 wegen vielfachen Missbrauchs von Schutzbefohlenen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zwei Monaten rechtskräftig verurteilt. Die Aufarbeitung ging bewusst über die strafrechtliche Betrachtung hinaus. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie ein solches Geschehen über einen längeren Zeitraum möglich war und was der Sport daraus lernen muss. Dabei nahm die Kommission auch Täterstrategien sowie die Rolle von Ehrenamtlichen, Eltern und Vereinsstrukturen in den Blick.
Der Landessportbund und die Thüringer Sportjugend hatten den Aufarbeitungsprozess gemeinsam mit dem HSV Weimar angestoßen. Auf Wunsch des Vereins übernahm der LSB die Federführung bei der Einrichtung einer Kommission. Die sechs Expertinnen und Experten aus Pädagogik, Recht, Medizin, Wissenschaft und Sport arbeiteten unabhängig. Der Aspekt der Unabhängigkeit ist erstmalig und erfordert Mut der Beteiligten. Vor allem die Perspektiven der Betroffenen wurden einbezogen, welche viel Energie in diese Aufarbeitung investierten.
„Aufarbeitung bedeutet für uns, zu verstehen, welche Strukturen, Abläufe und Haltungen dazu beigetragen haben, dass sexualisierte Gewalt möglich war und so lange unentdeckt bleiben konnte. Den Erfahrungen der Betroffenen zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und daraus konkrete Veränderungen abzuleiten, ist deshalb ein wesentlicher Teil unseres Kinderschutzes im Sport“, erklärte Nadin Czogalla.
Zugleich dankte die Geschäftsführerin des Landessportbundes Thüringen den Betroffenen, der Kommission und auch dem Verein für die Unterstützung und deren Offenheit. Die Aufarbeitung richtete den Blick dabei bewusst über die Taten des einzelnen Täters hinaus. Im Fokus standen auch dessen Strategien sowie Bedingungen, die Übergriffe begünstigten oder ein Aufdecken erschwerten.
„Sexualisierte Gewalt wird es immer geben. Um es Täterinnen und Tätern jedoch schwerer zu machen, ist es entscheidend, ihre Strategien, Strukturen und vor allem die Rolle von Mitwissenden aufzudecken und zu verstehen. Ebenso müssen begünstigende Umstände wie eine Kultur des Schweigens oder fehlende Schutzstrukturen bekannt sein“, sagt Steffen Sindulka, Kinderschutzbeauftragter im Sport beim LSB Thüringen.
„Das Thema ist schwierig, dennoch wünsche ich mir, dass die Sportvereine erkennen, dass wir gemeinsam mit ihnen an Lösungen und Konzepten arbeiten und bei Problemen an ihrer Seite sind – auf Augenhöhe. Wir wollen Hemmschwellen senken, auch dazu soll der Bericht beitragen.“
Für den HSV Weimar bedeutet die Aufarbeitung zugleich, Verantwortung für die damaligen Strukturen und das Vereinsklima zu übernehmen. So war es ihnen wichtig, den Betroffenen Gehör zu verleihen und den ihnen entstandenen Schaden anzuerkennen.
„Der Abschlussbericht zeigt schmerzhaft, dass Strukturen und ein Klima im Verein die Taten begünstigt haben. Dafür übernehmen wir als HSV Weimar Verantwortung und bitten die Betroffenen erneut um Entschuldigung. Unsere Verantwortung endet nicht mit dem Bericht: Wir wollen alles dafür tun, dass der HSV Weimar ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche ist“, sagte Vorstandsmitglied Matthias Stieff.
Diese Transparenz bzgl. der damaligen Strukturen im Verein und aktive Aufarbeitung ist dabei nicht selbstverständlich und verdiente auch den Dank und Respekt der Kommission. Seit 2019 engagiert sich der neue Vorstand bei Aufarbeitung sowie entsprechender Prävention im Verein.
Doch eine transparente und ehrliche Aufarbeitung kann dazu beitragen, Vertrauen zurückzugewinnen und einen Veränderungsprozess anzustoßen. Der Abschlussbericht ist zugleich Auftrag und Verpflichtung. Kinderschutz muss strukturell in Vereinen und Verbänden verankert sein. Dazu gehören klare Verantwortlichkeiten und Ansprechpersonen, Schutzkonzepte, Qualifizierung und Sensibilisierung sowie verbindliche Verfahren für den Umgang mit Verdachtsfällen. All diese Punkte zählen zu den Empfehlungen der Kommission.
„Der Abschluss der Kommissionsarbeit ist daher ein weiterer Schritt auf einem Weg, den der organisierte Sport konsequent und gemeinsam weitergehen muss. Kinder und Jugendliche müssen sich im Sport sicher fühlen können. Dafür braucht es Aufmerksamkeit, klare Strukturen, Wissen und vor allem die Bereitschaft, hinzuschauen und auch schwierige Fragen zu stellen“, so Czogalla.
Ein klarer Schutzrahmen wird daher in Thüringen verbindlich: Bis zum Jahresanfang 2029 müssen alle Sportvereine und Verbände im Freistaat ein eigenes Schutzkonzept entwickeln und implementieren. Die Umsetzung ist eine kollektive Verantwortung von Vereinen, Trainern, Ehrenamtlichen aber auch Eltern. Bei der Erstellung, Anpassung und Umsetzung individueller Schutzkonzepte bieten LSB und THSJ umfassende Unterstützung ihrer Mitgliedsorganisationen an, von der Beratung über regelmäßig angebotene Fortbildungen bis hin zu praktischen Vorlagen wie einer im November 2025 veröffentlichten Broschüre zum Thema.
zum Bericht* (Achtung Triggerwarnung)
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