Was macht eigentlich Ex-Skispringer Jörg Ritzerfeld?

Und auf einmal war er wieder mittendrin. Beim Skifliegen in Oberstdorf fand sich der frühere Weltcup-Skispringer Jörg Ritzerfeld, er beendete seine Karriere 2011, plötzlich neben ARD-Kommentator Tom Bartels als dessen Assistent wieder. „Für mich war der Job eine Premiere und kam durch Zufall zustande“, berichtet der 35-Jährige, der längst den Absprung ins Berufsleben geschafft hat. Beim Thüringer Unternehmen Bauerfeind ist er als Projektmanager Olympia sowie als Manager Sportmarketing und Sportsponsoring tätig.

Diese drei Tage in Oberstdorf waren schon etwas Spezielles für den Ex-Skispringer. „Normalerweise ist es die Aufgabe von Georg Späth, er hatte anderweitig vor Ort zu tun. Sein Ersatzmann Maximilian Mechler konnte auch nicht. Da wir Skispringer untereinander gut vernetzt sind, brachte mich Maxi irgendwie ins Spiel“, erzählt Ritzerfeld, der plötzlich neben Bartels in der Kabine saß und zuvor noch einige Hausaufgaben zu erledigen hatte. „In den acht Jahren haben sich doch einige Regeln geändert. Mit der Hilfe ehemaliger Kollegen habe ich mich schnell reingefuchst.“ Als nicht hörbarer Experte gab er Hinweise über die Anfahrtsposition, Absprungverhalten der jeweiligen Springer oder die Windverhältnisse an Bartels weiter. „Ich war erstaunt, wie viele meiner Worte in seinen Kommentar geflossen sind.“ Der Ausflug in bekanntes und doch fremdes Terrain machte Spaß. „Ich brauche es aber nicht jede Woche.“

Karriereende 2011

Bis zum 31. Januar 2011 gehörte Ritzerfeld selbst noch zu denjenigen, die anmutig durch die Lüfte segelten. Die Winter-Universiade im türkischen Erzurum war sein letzter Einsatz. Er verabschiedete sich mit Rang zehn von der Bühne, die jahrelang sein Leben bestimmte. So ganz davon lassen, will und kann er irgendwie nicht. So verfolgt er aufmerksam das aktuelle Geschehen im Landessportbund, Thüringer Skiverband sowie den Nachwuchs und ist als Vertreter von Professor Hans B. Bauerfeind im Präsidium und Kuratorium der Thüringer Sporthilfe immer noch beobachtend am Ball.

Als Rodler angefangen

Skispringen fasziniert – als Zuschauer, Ehemaliger und Athlet. „Es gibt nicht viele Leute, die Ski springen können. Man fliegt durch die Luft, ist ständig am Limit und kommt um die Welt“, zählt Ritzerfeld einige der Vorzüge seiner Sportart, in die er quasi reingeboren wurde, auf. Geboren in Suhl, aufgewachsen in Oberhof. Ritzerfelds Eltern sehr sportlich – der Weg ihres Sohnes zum WSV Oberhof war irgendwie vorgezeichnet. Nach einem kurzen Intermezzo beim Rodeln schlug Ritzerfeld den Weg des Nordisch Kombinierten ein. Und war dort recht erfolgreich. Bei den Bundesskispielen 1994 belegte er vor Stephan Hocke und Björn Kircheisen den ersten Platz.

Mit dem Wechsel auf das Oberhofer Sportgymnasium kam die Spezialisierung. Ritzerfeld machte fortan als Skispringer weiter. Noch heute nagt er etwas an dieser Entscheidung. „Ich wäre sicherlich auch ein guter Kombinierer geworden. Das Manko war bei mir die Loipe, wo ich damals einige Minuten gefressen habe. Ich glaube schon, dass man aus mir einen passablen Langläufer hätte machen können. Offensichtlich war ich ein besserer Skispringer.“ Ritzerfelds erster internationaler Einsatz war bei der prestigeträchtigen Vierschanzentournee 1999/2000.

Von der Schanze ins TV-Studio

Um die Jahrtausendwende begann der Privatsender RTL beim Skispringen einzusteigen. Die DSV-Adler mutierten zur Boygroup, angeführt von Martin Schmitt und Sven Hannawald. „Wir hatten auch damals immer Teenager und Fans vor der Hoteltür stehen“, beschreibt Ritzerfeld die Ära, in die er reinwuchs und mit Hocke die Thüringer Farben hochhielt. Er mochte die Schanzen in Sapporo, Oberstdorf und Planica. Richtig viel Spektakel gab es in Willingen und Zakopane. „Du wusstest ganz genau, wenn du dort die Bustür aufgemacht hast, in das Stadion trittst, dann ist das ein sehr erhabener Moment mit einer tollen Stimmung.“ Über die Zeit zeigte sich, Ritzerfeld ist mehr der Springer als der Flieger. In Planica flog er 2002 mit 207 Meter am weitesten.

Knapp zehn Jahre war er im Weltcup unterwegs, bereiste die Welt. Doch mehr als Flughäfen, Hotelbetten und Schanzen bekam er nicht zu sehen. Wenngleich so eine Schanze auch ein guter Aussichtsturm ist. Allein nur Ski springen reichte ihm irgendwann nicht mehr. Ritzerfeld merkte, dass er „etwas mehr für den Kopf“ brauchte. Er wollte studieren. Die Wahl fiel auf ein Pilotprojekt. An der Hochschule Ansbach wurde 2006 der Studiengang „Internationales Management“ eingeführt - zugeschnitten auf Spitzensportler wie ihn. Dieser ermöglichte ihm als Profisportler bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr berufsbegleitend zu studieren.

Vom Praktikanten zum Manager

Während seiner Studienzeit führte ihn ein Pflichtpraktikum zum Bandagen- Produzenten Bauerfeind nach Zeulenroda-Triebes. Thüringer Sporthilfe- Geschäftsführer Arnd Heymann stellte den Kontakt her. „Er hat mich so ein bisschen auf die Idee gebracht und einen kleinen Schub verpasst.“ Für Ritzerfeld ein Glücksfall, der in einer Festanstellung mündete. Die damalige Ein- Mann-Abteilung im Marketing wuchs über die Jahre auf zwölf Mitarbeiter an. Mittlerweile gibt es eine Sport-Unit mit einer eigenen Sportlinie, bei der die Produkte speziell für Sportler angeboten werden. „Wir bieten zum Beispiel Bandagen, Kompressionsprodukte und Einlagen an, die nicht wie bisher nach Verletzungen zum Einsatz kommen, sondern davor schützen, Stabilität geben und die Leistungsfähigkeit sogar unterstützen.“ 

Neben der Sponsoringverantwortung und Betreuung namhafter Vereine und Spitzensportler wie Fußball-Bundesligist Schalke 04, Handball-Erstligist Kiel, die Profi-Basketballer von ALBA Berlin oder auch NBA-Superstar Dirk Nowitzki hat es Ritzerfeld das Projekt „Olympia“ besonders angetan. Pyeongchang waren seine vierten Spiele, wo er für die Gesamt-Organisation zuständig war. „Gehen Produkte vor Ort aus, sorge ich dafür, dass sie nachgeliefert werden. Ebenso schaue ich, dass unsere Leute anständig arbeiten können. Während Olympia sind wir in einer Art Polyklinik untergebracht. Ich bin derjenige, der den Orthopädietechnikern den Rücken freihält und dafür sorgt, dass unser Service für die Athleten wunderbar funktioniert.“ In Rio vor drei Jahren waren es täglich bis zu 100 Versorgungen – Akkordarbeit mit Warteschlange. „Ich habe in der Zeit einen All-In-Job. Bespaße die Leute in der Schlange, pflege die Dokumentation für das IOC bis hin zum Wechsel einer kaputten Glühbirne in der Unterkunft.“

Seit 2010 bietet Bauerfeind aller zwei Jahre für alle Nationen bei Olympia sein „Rundum-Sorglos-Paket“ an. Zuvor war Bauerfeind „nur“ Servicepartner der Deutschen Olympiamannschaft und betreute die deutschen Athleten im deutschen Haus. Zuletzt war Ritzerfeld in der Olympiastadt Tokio. Er verhandelte mit dem Organisationskomitee über das Dabeisein des Thüringer Unternehmens bei den kommenden Sommerspielen. „Stand jetzt, sind wir nicht dabei“, sagt er und beruhigt zugleich, „das ist nichts Ungewöhnliches. Wir haben mit dem IOC keinen langfristigen Vertrag, sondern müssen alle zwei Jahre mit dem jeweiligen Organisationskomitee in Verhandlungen treten und unseren einzigartigen Service und langjährige Erfahrung vor¬stellen. Insgesamt bin ich sehr positiv gestimmt.“

Familie als Ruhepool

Die nötige Ruhe findet er in Erfurt. Die Familie ist sein Ausgleich – seine Freizeit. Mit seiner Frau und den Söhnen Oskar (11) und Franz (8) wohnt er unweit des Luisenparks. Nah der Altstadt, fühlt sich die Familie rundum wohl. Das Grüne vor der Haustür lässt das Herz des ehemaligen Sportlers noch höher schlagen. „Wir sind keine Stubenhocker, sondern sehr viel mit den Kindern in der Natur unterwegs. Wir entdecken Thüringen und sind offen für vieles“, erzählt der zweifache Vater. Seine Kinder sind ebenfalls sportlich aktiv. Leichtathletik macht der Große, der Kleine spielt Fußball. Ganz ohne Familie ist er selten anzutreffen. Außer, wenn die ehemaligen Kollegen rufen. Wie zuletzt beim Skifliegen in Oberstdorf.

Sandra Arm

zur Zeitschrift "Thüringen-Sport" 1-2019

Jörg Ritzerfeld (rechts) betreut unter anderem auch Basketball-Legende Dirk Nowitzki. Foto: Stiftung Thüringer Sporthilfe/ Mario Hochberg

Jörg Ritzerfeld war bis 2011 erfolgreicher Skispringer. Foto: privat


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