Sportminister Helmut Holter im Interview: "Der Sport muss enger in den Fokus der Politik rücken"

Nach zwei harten Jahren Corona-Pandemie läuft der Sportbetrieb derzeit ohne Einschränkungen. Doch die Thüringer Sportvereine und Sportfachverbände hatten auch in der vierten Corona-Welle mit vielfältigen Hindernissen zu kämpfen. Um den Re-Start zu erleichtern, setzte sich der LSB gegenüber der Landespolitik vehement für eine politische und finanzielle Unterstützung ein. So wird noch im Sommer ein sogenannter Neustartbonus kommen, die Verhandlungen liefen seit einem Jahr. Gemeinsame Konzepte und deren Umsetzung sind gefragt, um den Stellenwert des Sports zu stärken. Thüringen-Sport hat mit Helmut Holter, dem Thüringer Minister für Bildung, Jugend und Sport, darüber gesprochen.

Herr Holter, die Sportvereine und -organisationen waren seit 2020 von den Maßnahmen gegen die Pandemie besonders betroffen. So haben die Thüringer Sportvereine rund 17.500 Mitglieder in den vergangenen zwei Jahren verloren. Der Negativtrend ist deutschlandweit zu verzeichnen. Sind diese Auswirkungen und mögliche Lösungen Themen bei den Sportministerkonferenzen?

In den zurückliegenden Jahren ist zunehmend der Eindruck entstanden, dass dem Sport häufig nicht der Stellenwert beigemessen wird, der ihm angesichts seiner enormen gesellschaftlichen Bedeutung zusteht. Speziell die Corona-Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt und klar gezeigt, dass ins[1]besondere die positive Wirkung von Sport beispielsweise auf Gesundheit, Wohlbefinden und Resilienz oft kaum Berücksichtigung fand. Stattdessen musste es immer wieder Einschränkungen geben. Wir Sportministerinnen und Sportminister hatten uns hierzu aus fachlicher Sicht mehrfach kritisch positioniert. Insbesondere der länderübergreifende Austausch im Rahmen der Sportministerkonferenz (SMK) 2021 gab den entscheidenden Anstoß, den Sport wieder mehr in den Fokus der Gesellschaft rücken zu wollen. Mit dem außerordentlichen Treffen im April 2022 in Hamburg hat die SMK hier ein unmissverständliches Zeichen gesetzt. Die SMK hat auch beschlossen, ab sofort anstatt einmal jährlich, mindestens zweimal jährlich zu tagen. So wollen meine Länderkolleg*innen und ich im Rahmen eines kontinuierlichen Dialogs sportpolitische Vorhaben und Prozesse schneller und effektiver voranbringen.

Was meinen Sie mit „unmissverständliches Zeichen“? Was könnten Ansätze für die gemeinsame Aufgabe von organisiertem Sport und Politik in Thüringen sein, um dem Thema Bewegung wieder höchste Priorität einzuräumen?

Mit der verabschiedeten Hamburger Erklärung haben sich Bund und Länder dazu bekannt, die gesellschaftliche Bedeutung des Sports durch eine politischere Ausrichtung der SMK zu stärken. Sport muss wieder enger in den Fokus der Politik rücken! Im Ergebnis setzen wir uns beispielsweise dafür ein, den Vereinssport nach den vergangenen beiden Jahren der Pandemie schnell wieder voranzubringen, beim Ausbau von Sport- und Bewegungsangeboten zu unterstützen, die Rahmenbedingungen für das Ehrenamt zu verbessern oder auch gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit weiterhin entgegenzutreten. Zur Umsetzung dieser ambitionierten Ziele hat die April-SMK konkrete Maßnahmen festgelegt: So soll ein vom DOSB, der Deutschen Sportjugend (dsj) und der Bundesregierung geforderter „Bewegungsgipfel“ stattfinden und in eine nationale Kampagne ausgeweitet werden. Es geht um attraktive Sportangebote, leichten Zugang zu diesen Angeboten, die Schaffung von Sportanlagen, öffentlichen Freiräumen oder Schulhöfen, die dazu einladen, körperlich aktiv zu werden. Im Ergebnis wird auch der Sport in Thüringen von diesen Maßnahmen profitieren. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dem Landessportbund und den Vereinen daran zu arbeiten. Außerdem unterstützt die SMK die vom Bund initiierte Etablierung einer Ansprechstelle für Betroffene von sexualisierter Gewalt im Sport. Da mein Ministerium auch für den Kinderschutz zuständig ist, ist das unserem Staatssekretär Winfried Speitkamp – er fungiert auch als Landesbeauftragter für dieses Thema – und mir ein besonderes Anliegen.

Stichwort „Re-Start-Programm" für den Sport – Welche konkreten Maßnahmen gibt es aktuell?

Sportliche Aktivitäten sind generell in der Pandemie massiv zurückgegangen. Die Inaktivität von Kindern und Jugendlichen ist gewachsen. Fakt ist: Die langfristig gesundheitsschädlichen Folgen von Bewegungsmangel sind wissenschaftlich belegt. Fettleibigkeit, physische, psychische und soziale Gesundheitsbeeinträchtigungen: Die Thüringer Landesregierung setzt sich aktiv dafür ein, diese gefährlichen Entwicklungen zu stoppen. Und weil es mir ein besonderes Anliegen ist, in Thüringen gesunde Kinder und Jugendliche aufwachsen zu sehen, habe ich mich besonders für den Neustartbonus für Sportvereine stark gemacht. Im Landeshaushalt 2022 stehen dafür nun endlich zwei Millionen Euro bereit. Zudem unterstützen wir den Kinder- und Jugendsport in Thüringen im Landesaktionsprogramm „Stärken - Unterstützen - Abholen“ mit den Projekten „Bewegungscoach“ (735.000 Euro) und „Kinder in die Sportvereine“ (1,1 Mio Euro; jeweils für den Zeitraum 2022/23). Die hierfür notwendigen Verträge haben wir am 15. März 2022 gemeinsam mit dem Landessportbund Thüringen geschlossen. Das Programm ist in der Anlaufphase, und ich hoffe auf viele produktive Netzwerke zwischen Schulen und Vereinen vor Ort. Unsere Förderung ist der notwendige Anstoß dafür.

Bereits seit Sommer 2021 stellt die Thüringer Politik einen Neustartbonus für die Vereine in Aussicht, um die Folgen der Corona-Pandemie zu mildern. In anderen Bundesländern sind solche Boni bereits ausgezahlt. Warum nicht in Thüringen?

Wie bereits erwähnt, wurde der Neustartbonus im Haushaltsjahr 2022 neu veranschlagt. Dann hat es wegen der Debatten im Landtag noch etwas gedauert, ehe die vorläufige Haushaltsführung enden konnte. Die Globale Minderausgabe, die zum Sparen trotz Haushaltsbeschluss zwingt, ist ein neuer finanzieller Mühlstein um den Hals der Regierung, der auch viele wichtige Projekte abzuwürgen droht. Um den Sport zu stärken, stellen wir dennoch die im Haushaltsplan veranschlagten zwei Millionen Euro zur Verfügung – und das uneingeschränkt! Der Neustartbonus soll noch im ersten Halbjahr 2022 mittels Zuwendungsbescheid an den Landessportbund Thüringen ausgezahlt werden, der die Zuwendung wiederum auf seine zuwendungsfähigen Mitgliedsvereine ausreicht. Die Basis für den Neustart ist eine gute Sportstätteninfrastruktur.

Wir hatten im Zuge der Haushaltsbeschlüsse die Hoffnung auf eine Erhöhung der Förderung für den Sportstättenbau der Vereine, zumal die Baukosten aktuell sehr stark ansteigen. Wie ist der Stand hierzu?

Mir sind sowohl die hohen Investitionsbedarfe bei den Sportanlagen als auch die stark gestiegenen Baukosten bekannt. Der Thüringer Landtag hatte beschlossen, die Landesmittel für die Investitionen an den Sportstätten zu erhöhen. Diese Erhöhung sollte auch der vereinseigenen Sportstättenbauförderung zugutekommen, die der LSB verantwortet. Aufgrund der parlamentarischen Forderung, im Landeshaushaltsplan insgesamt 330 Millionen Euro im Jahr 2022 einzusparen, stehen meinem Ministerium über 74 Millionen Euro nicht zur Verfügung. Das ist der besagte Mühlstein. Um diese globale Minderausgabe erbringen zu können, mussten wir bei den nicht gesetzlichen Leistungen – und somit im Bereich der freiwilligen Leistungen – Einsparungen vornehmen. Hiervon ist leider auch die Sportstättenbauförderung betroffen. Ich hätte es gern anders gehabt. Aber das Parlament hat zur Minderausgabe verpflichtet, und ich als Minister muss sie erbringen. Als Sportminister werde ich mich aber weiter dafür stark machen, zukünftig mehr Mittel für die Sportstättenbauförderung bereitstellen zu können.

Sporttreiben ist in Thüringen seit einigen Wochen wieder uneingeschränkt möglich. Welche sportlichen Aktivitäten haben Sie sich für die kommende Zeit vorgenommen?

Ich starte jeden Morgen mit Sport in den Tag. Mein Frühsport ist eine Kombination aus Yoga und Gymnastik. Jeden Abend, egal bei welchem Wetter, gehe ich schnellen Schrittes 45 bis 60 Minuten durch mein Wohngebiet. Das war natürlich auch in der Pandemie weitestgehend möglich. Leider bleibt mir als Minister für anderes wenig Zeit, auch für den Besuch von Sportveranstaltungen. Ich verfolge natürlich viele Bereiche des Thüringer Sports sehr aufmerksam. Dass zum Beispiel die Volleyballerinnen des VfB Suhl ausgerechnet gegen Schwerin aus den Playoffs ausgeschieden sind, tut mir sehr leid; das Duell hatte ich, weil ich aus Schwerin komme, natürlich mit besonderem Interesse verfolgt. Suhl hat großartig gespielt. Von den Fußballdamen des FC Carl Zeiss Jena bin ich Fan, leider schaffte ich es nicht zum letzten Saisonspiel in der Bundesliga. Fest im Programm steht bei mir auch der Unternehmenslauf am 23. Juni in Erfurt, wo mein Ministerium ein Team der Thüringer Pädagoginnen und Pädagogen zu melden plant und damit auch sportlich für den Lehrerberuf werben möchte. Auch die Deutschland-Tour der Radsportler im August nehme ich mir für einen Besuch vor.

Die Sportfamilie im Sportland Thüringen hält zusammen. Wie erleben Sie die Maßnahmen und Hilfeleistungen zur Aufnahme und Integration von Kriegsflüchtlingen?

Auch wenn ich mir von Herzen wünsche, dass es diesen Krieg in der Ukraine nicht geben würde, so zeigt sich doch unter solchen Umständen, welche immense gesellschaftliche Kraft der organisierte Sport entfaltet. Hierfür bin ich den handelnden Personen in den Vereinen und Verbänden sehr dankbar. Ich weiß, dass sich viele Thüringer Sportvereine an Spendensammlungen und Hilfstransporten beteiligt, Wohnungen renoviert oder die Menschen bei Behördengängen begleitet haben. Für den Großteil der Geflüchteten ist es erst einmal wichtig, sich registrieren zu lassen, um eine Unterkunft und entsprechende Sozialleistungen zu bekommen. Inzwischen kommen aber auch vermehrt Sportinteressierte in den Vereinen an, welche die Angebote der Vereine nutzen. Sportvereine können für ukrainische Geflüchtete, die in ihre Sportangebote integriert werden, über die im Rahmen des Programms „Integration durch Sport“ bereitgestellten Fördermittel von Bund und Land finanziell unterstützt werden. Mein Ministerium prüft im Rahmen der Möglichkeiten auch weitere Unterstützungsleistungen.

Fest verankert ist auch der Leistungssport im Freistaat. Doch zuletzt haben einige sehr erfolgreiche Thüringer Leistungssportler*innen ihr Karriereende verkündet. Wie sehen Sie den Thüringer Spitzensport für die Zukunft aufgestellt?

Natürlich hinterlassen Athletinnen und Athleten, wie z.B. Mariama Jamanka oder Erik Lesser, die über Jahre Weltspitzenleistungen erreicht haben, nach dem Abschluss ihrer Karrieren eine große Lücke. Sie haben sich um das Sportland Thüringen verdient gemacht und das weit über die eigentlichen Karrieren als Sportlerin oder Sportler hinaus. Sie haben Thüringen als gestandene Persönlichkeiten mit Haltung und Charakter im In- und Ausland repräsentiert. Dafür bin ich sehr dankbar. Dennoch ist mir um die Zukunft des Thüringer Spitzensports nicht bang. Wir stehen noch unter dem Eindruck der hervorragenden Medaillenplatzierungen z.B. der Langläuferinnen bei den Olympischen Winterspielen in Peking, an denen Thüringen mit Victoria Carl und der Newcomerin Katherine Sauerbrey einen immensen Anteil hatte. Heraus[1]ragend ist auch die erste Saison von Vanessa Voigt im Biathlon-Weltcup mit konstanten Platzierungen unter den Top 10, ihrem ersten Podium in Otepää und natürlich der Bronzemedaille in der Staffel bei den Olympischen Spielen. Im Skispringen der Damen mit Juliane Seyfarth, Luisa Görlich und Pauline Heßler und in der Nordischen Kombination der Damen mit Cindy Haasch, Maria Gerboth und Emilia Görlich sind hoffnungsvolle Athletinnen aus Thüringen bei internationalen Wettkämpfen am Start. Diese Beispiele zeigen, dass es in Thüringen gelingen kann, Nachwuchsathletinnen und -athleten in die Weltspitze zu führen. Und es kommen viele junge Talente nach, hatten eine tolle Saison im Nachwuchsbereich: Traditionell stark waren die Kufensportlerinnen und -sportler. Die erstmals ausgetragene Weltmeisterschaft im Damen-Doppelsitzer haben Luisa Romanenko und Pauline Patz aus Thüringen gewonnen, Max Langenhan konnte sich bei Olympia den 6. Platz sichern. Im Bobsport hat Hans Peter Hannighofer sein Talent bereits bewiesen, er wird nach seiner Verletzung sicher wieder in die Weltspitze fahren wollen. Mit Phillip Zielasko wächst zudem ein hoffnungsvoller Pilot heran. Aber auch in den Sommersportarten, und hier speziell in der Leichtathletik, im Sportschießen und im Radsport stimmen die Ergebnisse im Nachwuchsbereich mit Teilnahmen und Medaillen bei internationalen Meisterschaften zuversichtlich. Sie merken, ich komme aus der Aufzählung fast nicht heraus. Thüringen ist ein Sportland und es wird mit unser aller Mitwirkung ein Sportland bleiben.

Anmerkung der Red.: ein Update zum Neustartbonus erfolgt in den nächsten Tagen.

Foto: TMBJS/ Jacob Schröter


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